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Das
neue Buch von Pascal Mercier "Lea" ist erschienen!

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Pascal
Mercier, Lea
Hanser
Verlag 257 Seiten Fr. 35.50 
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Walter
Kreye liest Pascal Mercier
6 CD's Fr. 53.--
bitte mit Mail bestellen
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Die
achtjährige Lea hat sich nach dem Tod der Mutter in eine eigene Welt zurückgezogen,
zu der auch der Vater keinen Zutritt hat. Erst der Klang einer Geige holt
sie ins Leben zurück. Sie erweist sich als außerordentliche musikalische
Begabung und mit achtzehn liegen ihr Publikum und Musikwelt zu Füßen.
Doch Martijn van Vliet, ihren anfangs überglücklichen Vater, treibt es
immer tiefer in die Einsamkeit. Bei dem verzweifelten Versuch, die Liebe
und Nähe seiner Tochter zurückzugewinnen, verstrickt er sich in ein Verbrechen
... »
Leseprobe:
»ICH
KANN AUF DEN TAG, ja die Stunde genau sagen, wann alles begann. Es war
an einem Dienstag vor achtzehn Jahren, dem einzigen Wochentag, an dem
Lea auch nachmittags Schule hatte. Ein Tag im Mai, tiefblau, überall blühende
Bäume und Sträucher. Lea kam aus der Schule, neben sich Caroline, ihre
Freundin seit den ersten Schultagen. Es tat weh zu sehen, wie traurig
und erstarrt Lea neben der hüpfenden Caroline die wenigen Stufen zum Schulhof
hinunterging. Es war der gleiche schleppende Gang wie vor einem Jahr,
als wir zusammen aus der Klinik gekommen waren, in der Cécile den Kampf
gegen die Leukämie verloren hatte. An diesem Tag, beim Abschied vom stillen
Gesicht der Mutter, hatte Lea nicht mehr geweint. Die Tränen waren aufgebraucht.
In den letzten Wochen vorher hatte sie immer weniger gesprochen, und mit
jedem Tag, so schien es mir, waren ihre Bewegungen langsamer und eckiger
geworden. Nichts hatte diese Erstarrung zu lösen vermocht: nichts, was
ich mit ihr zusammen unternommen hatte; keines von den vielen Geschenken,
die ich gekauft hatte, wenn mir schien, ich könne ihr einen Wunsch vom
Gesicht ablesen; keiner meiner verkrampften Scherze, die ich der eigenen
Erstarrung abtrotzte; auch nicht der Schuleintritt mit all den neuen Eindrücken;
und ebensowenig die Mühe, die sich Caroline vom ersten Tag an gegeben
hatte, sie zum Lachen zu bringen.
›Adieu‹, sagte Caroline am Tor zu Lea und legte ihr den Arm um die Schulter.
Für ein achtjähriges Mädchen war das eine ungewöhnliche Geste: als sei
es die erwachsene Schwester, die der jüngeren Schutz und Trost mit auf
den Weg gab. Lea hielt den Blick wie immer zu Boden gesenkt und erwiderte
nichts. Wortlos legte sie ihre Hand in die meine und ging neben mir her,
als wate sie durch Blei.
Wir waren eben am Hotel SCHWEIZERHOF vorbeigegangen und näherten uns
der Rolltreppe, die in die Bahnhofshalle hinunterführt, als Lea mitten
im Strom der Leute stehenblieb. Ich war in Gedanken bereits bei der schwierigen
Sitzung, die ich bald zu leiten hatte, und zog ungeduldig an ihrer Hand.
Da entwand sie sich mit einer plötzlichen Bewegung, blieb noch einige
Augenblicke mit gesenktem Kopf stehen und lief dann in Richtung Rolltreppe.
Noch heute sehe ich sie laufen, es war ein Slalomlauf durch die eilige
Menge, der breite Schultornister auf ihrem schmalen Rücken
verfing sich mehr als einmal in fremden Kleidern. Als ich sie einholte,
stand sie mit vorgerecktem Hals oben an der Rolltreppe, unbekümmert um
die Leute, denen sie im Weg stand. ›Écoute!‹ sagte sie, als ich zu ihr
trat. Sie sagte es in dem gleichen Tonfall wie Cécile, die diese Aufforderung
auch stets auf französisch geäußert hatte, selbst wenn wir sonst deutsch
sprachen. Für jemanden wie mich, dessen Kehle nicht für die hellen französischen
Laute gemacht ist, hatte das spitze Wort einen befehlshaberischen, diktatorischen
Klang, der mich einschüchterte, selbst wenn es um etwas Harmloses ging.
Und so zügelte ich meine Ungeduld und horchte gehorsam in die Bahnhofshalle
hinunter. Nun hörte auch ich, was Lea vorhin hatte innehalten lassen:
die Klänge einer Geige. Zögernd ließ ich mich von ihr auf die Rolltreppe
ziehen, und nun glitten wir, eigentlich gegen meinen Willen, in die Halle
des Berner Bahnhofs hinunter.
Wie oft habe ich mich gefragt, was aus meiner Tochter geworden wäre, wenn
wir es nicht getan hätten! Wenn uns kein Zufall diese Klänge zugespielt
hätte. Wenn ich meiner Ungeduld und Anspannung der bevorstehenden Sitzung
wegen nachgegeben und Lea mit mir fortgezogen hätte. Wäre sie der Faszination
durch den Geigenklang bei anderer Gelegenheit, in anderer Gestalt erlegen?
Was sonst hätte sie eines Tages aus ihrer lähmenden Trauer erlöst? Wäre
ihr Talent auch so ans Licht gekommen? Oder wäre sie ein ganz gewöhnliches
Schulmädchen mit einem ganz gewöhnlichen Berufswunsch geworden? Und ich?
Wo stünde ich heute, wenn ich mich nicht der ungeheuren Herausforderung
durch Leas Begabung gegenübergesehen hätte, der ich in keiner Weise gewachsen
war?
Ich war, als wir an jenem Nachmittag den Fuß auf die Rolltreppe setzten,
ein vierzigjähriger Biokybernetiker, das jüngste Mitglied der Fakultät
und ein aufsteigender Stern am Himmel dieser neuen Disziplin, wie die
Leute sagten. Céciles Agonie und ihr früher Tod hatten mich erschüttert,
mehr, als ich wahrhaben wollte. Aber ich hatte der Erschütterung äußerlich
gesehen standgehalten und es durch akribische Pla nung geschafft, den
Beruf mit meiner Rolle als Vater, der nun allein verantwortlich war, zu
verbinden. Nachts, wenn ich am Rechner saß, hörte ich aus dem Nebenzimmer,
wie Lea sich hin und her wälzte, und ich bin selbst kein einziges Mal
schlafen gegangen, bevor sie zur Ruhe gekommen war, gleich gültig, wie
spät es wurde. Die Müdigkeit, die anwuchs wie ein schleichendes Gift,
bekämpfte ich mit Kaffee, und manchmal war ich kurz davor, wieder mit
dem Rauchen anzufangen. Aber Lea sollte nicht mit einem süchtigen Vater
in einer verrauchten Wohnung aufwachsen.
Van
Vliet holte die Zigaretten aus der Jacke und steckte sich eine an. Wie
heute morgen im Café schirmte er die Flamme mit seiner großen Hand gegen
den Wind ab. Jetzt, aus größerer Nähe, sah ich das Nikotin an den Fingern.
»Alles in allem hatte ich die Situation unter Kontrolle, wie mir schien;
nur die Ringe unter den Augen wurden größer und dunkler. Es hätte, denke
ich, alles gut werden können, wenn wir beide damals nicht die Rolltreppe
betreten hätten. Aber Lea war mit dem einen Fuß bereits auf dem gleitenden
Metall, und sie hatte doch solche Angst vor Rolltreppen, sie hatte diese
Angst von Cécile übernommen, so vieles war von der vergötterten Mutter
in sie eingedrungen wie durch Osmose. Die Musik war in jenem Moment stärker
als die Angst, deshalb hatte sie den ersten Schritt getan, und nun konnte
ich sie unmöglich allein lassen und strich ihr beruhigend übers Haar,
bis wir unten angekommen waren und in die Menge von atemlos lauschenden
Menschen eintauchten, die der Geigerin verzaubert zuhörten.« Van Vliet
warf die halb gerauchte Zigarette in den Sand und verbarg das Gesicht
in den Händen. Er stand neben seiner kleinen Tochter im Bahnhof. Es gab
mir einen Stich. Ich dachte an meinen Besuch bei Leslie in Avignon. Was
Lea für Martijn van Vliet gewesen war, war Leslie für mich nie gewesen.
Es war nüchterner zugegangen zwischen uns. Nicht lieblos, aber spröder.
War es, weil ich in den Jahren nach ihrer Geburt fast nur gearbeitet hatte
und aus der Bostoner Klinik oft tagelang nicht herausgekommen war?
So stellte es Joanne dar. As a father you’re a failure.
Wir hatten kein einziges Mal richtig Urlaub gemacht; wenn ich verreiste,
dann zu Kongressen, auf denen neue Operationstechniken vorgestellt wurden.
Leslie war neun, als wir in die Schweiz zurückkamen, sie sprach ein Mélange
aus Joannes Amerikanisch und meinem Berndeutsch, die Spannungen zwischen
den Eltern machten sie verschlossen, sie suchte sich Freunde, die wir
nicht kannten, und als Joanne für immer nach Amerika zurückging, kam sie
in ein Internat, ein gutes, aber ein Internat. Sie war nicht unglücklich,
glaube ich, aber sie entglitt mir noch mehr, und wenn ich sie sah, war
es mehr wie die Begegnung zwischen zwei guten Bekannten als zwischen Vater
und Tochter. Van Vliets Geschichte würde die Geschichte eines Unglücks
sein, das war klar; aber dieses Unglück war aus einem Glück herausgewachsen,
wie ich es nicht gekannt hatte, warum auch immer.
OBEN
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