Die Autorin und Journalistin Cornelia Boehler aus Maur hat das Buch von Mara Meier für Sie gelesen und besprochen. Vielen Dank.


Mara Meier, Im Sommer sind die Schatten blau. Amanda Tröndle-Engel
Zytglogge Verlag
280 Seiten Fr. 34.00 bitte mit Mail bestellen



Emanzipation mittels Kunst?

Viele Frauen in Vergangenheit und auch immer wieder im Jetzt versuchen sich mittels Kunst in eine andere Rolle zu schieben, ihrem Leben eine andere Richtung zu geben indem sie sich ernsthaft der Kunst widmen. Immer mehr sichtbar werden Frauen in künstlerischen Berufen. Mara Meier gibt einer solchen Frau aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts Platz, indem sie ihr Leben auch mit Kunst, dem Schreiben, zusammenfasst. Dies ist auf eindrückliche Art gelungen, der Roman ist nicht nur spannend, sondern umfasst auch eine wichtige Zeit, als ein Kreis von Frauen sich über die Damen-Akademie des Künstlerinnenvereins in München emanzipierten und die Phalanx der erfolgreichen Maler durchbrachen. Ab nach München! war kurz nach der Jahrhundertwende der Slogan der Frauen, die ernsthaft den Beruf der Malerin ergreifen wollten. Die Frauen zog es hinaus aus der begrenzten Welt des Biedermeier in ein kleines Dachzimmer um bei den Lehrern Angelo Jank, Adolf Hölzel und anderen sich im Malen weiterzubilden. Dort begegneten sie anderen Malerinnen und neuen Ideen, widmeten sich täglich dem Skizzieren und Malen im Freien, liessen sich von Hauswirtinnen verpflegen, frequentierten abends Gasthäuser und Künstlerkneipen. Für Monate oder Jahre liessen sie die Pflichten einer Dame hinter sich. Amanda Tröndle-Engel hatte in Solothurn Malunterricht gegeben, war als Ehefrau eines Oberrichters gewohnt im Singkreis und als Vorsteherin eines grossen Hauses zu wirken, sie war talentiert, in Gesang und Malerei gefördert. Inspiriert von der Weltausstellung 1900 in Paris und später gezwungen vom Schicksal hatte sie mit Vierzig eine feste Stellung in der Gesellschaft. Wie es ihr gelang mit Mut ihr Talent weiterzuentwickeln wird in diesem Roman bildhaft geschildet. Die Autorin Mara Meier ist selbst Malerin und Zeichnerin und beschreibt die künstlerischen und persönlichen Kämpfe der Protagonistin mit viel Einfühlungsvermögen. Schon das Titelbild des Buches zieht einem in Bann: das Selbstbildnis der in die Moderne aufbrechenden Malerin Amanda Tröndle-Engel.
PS wer mehr über die damalige Zeit erfahren möchte, googelt den folgenden Link, es sind zahlreiche sehr interessante Fotografien zu sehen, denn auch die Fotografinnen emanzipierten sich!
https://kultur-online.net/inhalt/ab-nach-münchen-künstlerinnen-um-1900

Cornelia Böhler 4. Mai 2022

Cornelia Boehler , geb. 1943 in Zürich

Aufgewachsen im kinderreichen Quartier Friesenberg. Mit vierzehn Tagebuch für die Jugendseite des Tages-Anzeigers Zürich, Handelsschule, Tätigkeit im Marketing. Redaktionsmitglied der Gemeindezeitung, Korrespondentin beim Anzeiger von Uster. Seit 1985 Autorin. Von 1988 bis 2003 Inszenierungen von Texten mit Gestik und Musik in Kulturcafés, an Ausstellungseröffnungen, in Clubs und Konzertlokalen in Zürich und Umgebung, Baselland, Bern sowie in Darmstadt und Giessen/Deutschland.
Cornelia Boehler

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