Die Journalistin Elisabeth Bardill-Meyer aus Tenna im Safiental hat mir die Erlaubnis gegeben, ihre Buchbesprechungen hier abzudrucken. Ganz herzlichen Dank!

Hier finden Sie ein Interview mit Elisabeth Bardill

Elisabeth Bardill


Besprechung für den Juni Newsletter
Angelika Overath, Calanda oder Alvas Antwort
Dorothee Kohler, Vier Seiten Leben


Angelika Overath, Calanda oder Alvas Antwort
Luchterhand Verlag Fr. 33.50

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Calanda oder Alvas Antwort
Die Bergwanderung von Chur, hoch zum Hausberg Calanda, nimmt Alva in der Morgendämmerung unter die Füsse. Sie will und muss etwas verarbeiten, das vor ihr liegt und ihr Leben verändern wird. Auf dem Weg sind die Gedanken bei ihren beiden Kindern, bei ihrer Freundin Seraina wie bei zwei Männern, die ein Paar und auch die Väter ihrer zwei Kinder sind. In Gedanken befindet sie sich an unterschiedlichen Aufenthaltsorten: Sudetenland, Augsburg, Engadin, Istanbul, Davos oder Chur. Alva ist gleichzeitig ganz in der Gegenwart, achtet auf den Weg, rutscht einmal aus oder befindet sich im Nebel. Als gute Berggängerin, wenn auch neu mit zwei Stöcken, meistert sie den Aufstieg bis zur Calandahütte, wo sie einkehrt um Kräfte zu sammeln. Sie hat sich den Gipfel zum Ziel gesetzt. Im Wechsel empfindet sie Glück der Vergangenheit und Schmerz für die nahe Zukunft mit einer tödlichen Krankheit. Im schützenden Gestein des Gebirges findet sie Antworten und innere Ruhe.
Der Roman ist Abbild der Gegenwart. Die Städte Chur und Istanbul scheinen nahe zu sein wie das Sudentenland und das Engadin. Die Protagonistin Alva ist alleinerziehend. Die unkonventionelle Form des Zusammenlebens mit zwei Männern ist frei gewählt. Der Bildungsstand und die Interessen der einzelnen Personen sind vielseitig. Das kleine und das grosse Ereignis folgen einander auf den Fuss. Da ist der kleine Igel im Garten oder die Blumen am Wegrand, da ist ein Grimmsches Märchen oder ein Park in einem Vorort von Augsburg, der grosse Brand am Calanda wegen Schiessübungen oder die Oper Lulu in Zürich und vieles mehr…
Die Autorin Angelika Overath, wohnhaft in Sent GR, hat die Erinnerungen einer modernen jungen Frau verdichtet festgehalten, so, wie es in aussergewöhnlichen Lebenssituationen vorkommen kann. Die Flut der Erinnerungen kann eine Getriebenheit auslösen und überwältigend wirken. Besuchte Sehenswürdigkeiten, Sternstunden und Enttäuschungen in der Liebe wie der Weg zum eigenen Ich bringen die Lektüre ins Fliessen.

Empfohlen von Elisabeth Bardill
Tenna, den 30. April 2026


Dorothee Kohler, Vier Seiten Leben. Der Fall Martha
Limmat Verlag Fr. 30.00

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Vier Seiten Leben
«Der Fall Martha L.» - Beim Aufräumen ihres Familiennachlasses stiess Dorothee Kohler auf den Namen einer Tante, von der sie nichts wusste. Ihr Vater hatte nie von einer Schwester erzählt, auch auf Familienfotos fehlt jede Spur. Die Nichte Dorothee begann zu recherchieren, als sie erfuhr, dass ihre Tante Martha Luginbühl im Mai 1894 geboren wurde. Anhand einer kargen Klinikakte wollte sie Marthas Fall nachvollziehen.
In ihrem berührenden Buch erzählt die Autorin von einer jungen versehrten Frau, die nicht einmal 25 Jahre alt wurde. Noch im 20. Jahrhundert verwahrte oder versorgte man unfügsame Menschen in einem Asyl. Die Familie koppelte sich in solchen Fällen, oftmals aus Scham, vom betroffenen Familienmitglied ab. So wurde Martha vermutlich ausgestossen, da sie schwer zu führen war. Die Diagnose: «Ein pathologischer Zustand, der in das Gebiet der Idiotie gehört.» Die Autorin vertiefte sich in Fachliteratur und Falldarstellungen aus jener Zeit. Sie konnte dadurch ein vages Bild vom Leben ihrer Tante erahnen. Das Eintauchen in die Lücken und Abgründe der Psychiatriegeschichte des 20. Jahrhunderts brachte Dorothee Kohler näher zu Marthas Schicksal. Es gelang ihr, aus vier Seiten Akteneintrag über die acht Jahre Asylleben von Martha, ein Buch zu schreiben. Das Ausgestossensein eines jungen Menschen von Familie und Gesellschaft wie auch die Hilflosigkeit von Angehörigen und früheren Methoden und Anwendungen in der Psychiatrie werden in Erinnerung gerufen. Martha L. war ein «Fall» und wird durch dieses Buch als Mensch erkannt.

Empfohlen von Elisabeth Bardill
Tenna, den 26. April 2026



Elisabeth Bardill

Elisabeth Bardill-Meyer kam 1941 im aargauischen Auenstein zur Welt und wuchs danach in Küsnacht am Zürichsee auf. Nach der Ausbildung zur Kindergärtnerin an der Neuen Mädchenschule Bern war sie in Bubendorf BL tätig. Nach der Heirat mit einem Bündner Lehrer zog sie nach Tenna ins Safiental und später nach Schiers. Sie hat vier Söhne und fünfzehn Enkel. Während vieler Jahre unterrichtete sie im Bildungszentrum Palottis Schiers in den Fächern Erziehungslehre, Werken und Gestalten. Seit 2004 lebt Elisabeth Bardill mit ihrem Mann wieder in Tenna. Sie arbeitet freischaffend journalistisch für Zeitschriften, Zeitungen wie auch regelmässig für die „Terra Grischuna“, schreibt Bücher und gibt diese selber unter „edition bardill“ heraus. Es handelt sich stets um Porträts von Menschen in Graubünden.



Elisabeth Bardill, Männer und Frauen verwurzelt in Graubünden

Edition Bardill
Fr. 30.00 bitte mit Mail bestellen



Elisabeth Bardill, Bauernstolz und Bauerntum
Edition Bardill, 2008 Fr. 35.00 bitte mit Mail bestellen

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