Die Journalistin Elisabeth Bardill-Meyer aus Tenna im Safiental hat mir die Erlaubnis gegeben, ihre Buchbesprechungen hier abzudrucken.


Romana Ganzoni,
Tod in Genua
Rotpunkt Verlag Reihe: Edition blau
184 Seiten Fr. 26.00 Info/bestellen

Bild E.Bardill

Tenna, den 5. Oktober 2019


Engadiner Schriftstellerin stellt ihr Buch vor


Die Herausgabe von »Tod in Genua» wurde in der Churer Buchhandlung Karlihof gefeiert. Die Autorin Romana Ganzoni lebt in Celerina.
Mit Lesung und Erzählung wurde der Roman von der Autorin persönlich vorgestellt. In diesem Fall war das ein besonderer Genuss, da man die Verbindung von Romana Ganzoni mit ihren Figuren und Schauplätzen in besonderem Masse spürte. Um eine solche Geschichte zu schreiben, muss man wohl Zufälle, Träume, Vorstellungen, Erinnerungen und Erlebtes deutlich wahrnehmen und miteinander verdichten können. Die Liebe der Autorin zu Genua und zur «Italianità», der italienischen Wesensart, sind unverkennbar. In der Geschichte geht es um einen einzigen Tag in Genua, den 5. September 2018, kurz nach dem Einsturz der Morandi Brücke.
Tag der Beerdigung
Zia Matilde war tot. Sie war es, die die Ehe von Paul und Nina aus Zürich vor 17 Jahren gestiftet und irgendwie gestützt hatte. Sie war eine Dame aus dem vergangenen Jahrhundert, wurde hundert Jahre alt und hatte eine faszinierende Ausstrahlung auf das Paar. Dieses erschien pünktlich am Tag der Beerdigung und wurde in den Strudel der Selbsterkenntnis und in die Irrungen ihrer Beziehung hineingerissen. Wohltemperiert lebten sie in Luxus und vermeintlichem Verständnis füreinander, obwohl der unerfüllte Kinderwunsch stets in der Luft lag. War es der Wunsch von Paul oder der von Nina, der Sängerin, die sich dann und wann ein unbedeutendes Abenteuer leistete? Schon als Kind lebte sie in Rollen aus bekannten Opern. Wer ist Paul? – Matildes Tod verursacht den Riss in einer Beziehung. Die Gegenwart wird zum Schock. Ist es das Ende oder der Anfang?
Der Zauber der Erzählung liegt im Detail. Biographisches taucht als Erinnerung auf. Matilde lebte in einer anderen Zeit, wo Damen der besseren Gesellschaft ihren Dienstboten befehlen konnten, jedoch mit Ihnen ungezählte Zigaretten rauchten, als nähre die Zigarette, besonders die ohne Filter, die Götter und guten Geister. Es waren Damen, die blendend aussahen und sich in der Geschäftswelt Respekt verschafften und ihren Pesto selber machten. In deren Häusern und in der Öffentlichkeit gab es eine Ober- und eine Unterschicht. Die Marke eines Produktes hatte Bedeutung und markierte den Stand in der Gesellschaft. Wo die Dienstboten wohnten, war kein Thema, darüber schwieg man sich aus. – Am Tag der Beerdigung kommt Ninas Welt ins Wanken, weil sie den Brillant-Ring von Tiffany an Gretas Hand, des Dienstmädchens, anstarrt. Nina denkt an Matilde, wie schön sie gewesen war, an ihre Hände im Tod, an ihr Porzellan, ihren roten Oleander und den Balkon, den sie wohl nie mehr betreten wird.
Stimmung und Gefühl
Ein Buch voller kleiner Beobachtungen und Stimmungen, in dem man gerne wieder zurückblättert, da es Fragen aufwirft und gleichzeitig anregt, die eigenen Beziehungen deutlicher wahrzunehmen. Romana Ganzonis Mut besteht darin, dass sie Intimes aufzeichnet, das zwischen wohltemperierter und massloser Liebe liegt. Die Autorin vermag mit ihrer Sprache herrliche wie abgründige Bilder heraufzubeschwören. Sie überlasst Erklärung und Deutung der Leserschaft.

Elisabeth Bardill


Daniela Schwegler,
Himmelwärts. Bergführerinnen im Portrait
Rotpunktverlag
256 Seiten Fr. 39.00 Info/bestellen


Schweizer Bergführerinnen haben das Sagen
Bis ins 18. Jahrhundert galt die Bergwelt als lebensfeindliches Gebiet. Nach und nach kamen englische Gäste und Naturforscher um die ersten Gipfel zu erklimmen. Die Pioniere engagierten lokale Gemsjäger oder Kristallsucher als gebirgskundige Begleiter. Später beschäftigten sie Träger und bestiegen mit ihnen die Gipfel. Viele schrieben spannende wie auch abenteuerliche Reiseberichte. Die damit verbundene Entwicklung des Bergführerwesens vor Augen zu haben ist eindrücklich, doch wir dürfen nicht bei diesem historischen Bergführerverständnis stehen bleiben. Heute sind die Gäste Berufsleute, die am Wochenende etwas Besonderes erleben wollen. Manche leisten sich auch eine Ausszeit beim Bergsport, buchen eine Tourenwoche oder werden gar Stammgäste bei einer Bergführerin oder einem Bergführer.
Im neuen Buch von Daniela Schwegler lernen wir zwölf Bergführerinnen kennen. Die Freiburgerin Nicole Niquille erhielt 1986 als erste Frau das Bergführerdiplom. Sie brach damit in eine Männerwelt ein. Man erwartet den Bergführer als Mann und starken Typen, ein Bild, dass sich viele Leute noch vorstellen. Das System ist von Männern gemacht und die Schwerpunkte werden von Männern gesetzt. Wenn sich Frauen im System anpassen und Gas geben, werden ihnen keine Steine in den Weg gelegt. Zwölf Frauen beweisen das mit ihren Aussagen. «Ich bin gerne mit Gästen am Berg. Für mich steht der Gast und nicht der Berg im Zentrum.» «Du bist als Bergfführerin sehr viel unterwegs, trägst eine riesige Verantwortung, musst entscheidungsfreudig sein und Druck aushalten können.» «Eigentlich ist’s ein Widerspruch: Als Bergführerin bringst du Leute in unberührte Regionen. Man legt grosse Distanzen mit dem Auto, Zug oder mit Bergbahnen zurück und besucht Hütten, die mit dem Heli versorgt werden. Das ist ein Konflikt, den ich nicht lösen kann. Als kleiner Mensch in dieser grossartigen Wildnis in unserer Bergwelt unterwegs zu sein, relativiert vieles und stimmt mich demütig.»

Tenna, den 23. September 2019 Elisabeth Bardill



Elisabeth Bardill

Elisabeth Bardill-Meyer kam 1941 im aargauischen Auenstein zur Welt und wuchs danach in Küsnacht am Zürichsee auf. Nach der Ausbildung zur Kindergärtnerin an der Neuen Mädchenschule Bern war sie in Bubendorf BL tätig. Nach der Heirat mit einem Bündner Lehrer zog sie nach Tenna ins Safiental und später nach Schiers. Sie hat vier Söhne und fünfzehn Enkel. Während vieler Jahre unterrichtete sie im Bildungszentrum Palottis Schiers in den Fächern Erziehungslehre, Werken und Gestalten. Seit 2004 lebt Elisabeth Bardill mit ihrem Mann wieder in Tenna. Sie arbeitet freischaffend journalistisch für Zeitschriften, Zeitungen wie auch regelmässig für die „Terra Grischuna“, schreibt Bücher und gibt diese selber unter „edition bardill“ heraus. Es handelt sich stets um Porträts von Menschen in Graubünden.



Elisabeth Bardill, Männer und Frauen verwurzelt in Graubünden

Edition Bardill
Fr. 30.00 bitte mit Mail bestellen



Elisabeth Bardill, Bauernstolz und Bauerntum
Edition Bardill, 2008 Fr. 35.00 bitte mit Mail bestellen

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